Endlich kehrt das Grauen wieder nach Hawkins, Indiana, zurück. Erneut geschieht in der Kleinstadt Unheimliches. Ein Jahr ist seit dem Ende der ersten Staffel von «Stranger Things», seit Will Byers Rettung aus der düsteren Parallelwelt voller Monster, dem «Upside down», vergangen. Immer noch wird er von schrecklichen Visionen heimgesucht. Kurze Zeit später stellt sich heraus, dass diese genauso wie eine Reihe anderer mysteriöser Ereignisse mit illegalen Experimenten verknüpft sind, welche das amerikanische Energiedepartement immer noch im nahe gelegenen Labor durchführt.

Zum zweiten Mal müssen Will und seine Freunde Dustin, Mike, Lucas mithilfe des telekinetisch begabten Mädchens namens «Eleven» Hawkins vor einer Bedrohung aus dem ominösen «Upside down» retten.

Vorbild ist das Blockbusterkino

«Stranger Things», eine geschickt konstruierte Hommage an das Horror- und Science-Fiction-Kino der siebziger und achtziger Jahre, gehörte im Jahr 2016 zu den erfolgreichsten Produktionen der Streaming-Plattform Netflix. Es wurde daher im Vorfeld heftig spekuliert darüber, ob die Macher der Serie, die Zwillinge Matt und Ross Duffer, ihren Erfolg wiederholen können. Die gute Nachricht: Das Spiel mit popkulturellen Zitaten und Nostalgie macht auch die zweite Staffel sehenswert. Anders als etwa Quentin Tarantino greifen die Duffers dabei aber nicht auf möglichst obskure B-Filme oder vergessene Klassiker zurück. Ihr Rohstoff ist das Blockbusterkino eines Stephen Spielberg («E. T.», «Eine unheimliche Begegnung der dritten Art»), George Lucas («Indiana Jones») oder die Bücher von Stephen King.

Vor allem ohne den Schriftsteller aus Maine wäre «Stranger Things» nicht denkbar. Ähnlich wie bei «Es» oder «Stand by Me» bewegen sich auch die Protagonisten der Duffers in einer Art parallelen Welt voller Abenteuer, welche ausschliesslich Jugendlichen vorbehalten zu sein scheint und von der Erwachsene kaum etwas merken. Und genauso wie das Böse in «Es», welches in der Kanalisation von Derry haust, bewegen sich auch die Monster aus dem «Upside down» unterirdisch fort. In der Bedrohung, welche Hawkins zusehends unterhöhlt, spiegelt sich nicht zuletzt die damals in den USA grassierende Angst vor einer kommunistischen Unterwanderung wider.

In der neuen Staffel bereitet sich die fiktive Kleinstadt Hawkins auf Halloween vor. Wir schreiben das Jahr 1984: In den Vorgärten stehen Schilder mit «Reagan/Bush» oder «Mondale/Ferraro», den damaligen Präsidentschaftskandidaten. Will und seine Freunde verkleiden sich als «Ghostbusters», und das Fernsehen zeigt den Trailer zu «Terminator»; beides Filme, die in jenem Jahr in die Kinos kamen. Die vier Freunde fahren BMX-Räder, die nach Gebrauch jeweils achtlos auf dem Boden landen, und kommunizieren mit Walkie-Talkies. Langsam hält auch die Unterhaltungselektronik Einzug in Hawkins. Erinnerungen werden wach, als Wills Mutter in einer Szene den richtigen Kabelausgang sucht, um die Videokamera mit dem Fernseher zu verbinden. Da entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass «Stranger Things» seine Bekanntheit ausgerechnet der digitalen Disruption und den sozialen Netzwerken verdankt.

Exzellente Darsteller und schleimige Monster

Für ihre ungenierte Selbstbedienung in der Filmgeschichte wurde den beiden Brüdern bereits Mangel an Innovation und eigenen Ideen vorgeworfen. Diesen Vorwurf müssen sie sich wohl oder übel gefallen lassen. Der Serie tut dies aber keinen Abbruch. Woran es den Duffers nämlich auf keinen Fall mangelt, sind Originalität und Detailtreue im Umgang mit ihrem Ausgangsmaterial. Die Zitate und Hommagen werden genauso sorgfältig und geschickt montiert, wie früher «Bravo»-Starschnitte in den Kinderzimmern.

Allfällige Kritiker werden in der Serie auch gleich direkt adressiert. Die Geschichte sei doch nur eine Kopie, sie hätte sich schon etwas mehr Originalität erwartet, entgegnet Max, der neueste Zuzug in Hawkins, als ihr Lucas die bisherigen Ereignisse schildert. Wenig später wird sie durch ein schleimiges Monster umgehend eines Besseren belehrt.

Einen grossen Anteil am Erfolg der Serie trägt auch das Ensemble aus exzellenten Darstellerinnen und Darstellern. Neben den jugendlichen Hauptdarstellern wie etwa der 13-jährigen Millie Bobby Brown in der Rolle von Eleven, glänzt insbesondere, wie schon in der ersten Staffel, Winona Ryder als Wills alleinerziehende Mutter Joyce Byers. Anders als in der ersten Staffel, die nicht zuletzt durch ihre narrative Gradlinigkeit und Schnörkellosigkeit bestach, wird die Geschichte (die zweite Staffel umfasst neun statt acht Folgen) etwas bedächtiger erzählt. Die Charaktere erhalten mehr Raum für ihre Entwicklung.

Am besten funktioniert dies bei Eleven, dem missbrauchten Mädchen aus dem Labor. Weniger überzeugend wirkt «Stranger Things» II jedoch dann, wenn die Serie den sicheren Raum der Kleinstadt für neue Schauplätze verlässt. Der Wechsel in die Grossstadt und das Auftauchen einer Gang krimineller Punks mahnt dann doch eher etwas unfreiwillig an ein frühes MTV-Video von Michael Jackson.

Mit seinem Rückgriff auf die achtziger Jahre ist «Stranger Things» innerhalb des Horror- und Science-Fiction-Genres eher eine Ausnahme. Erfolgreiche Filme aus diesem Bereich, wie etwa «Get Out» oder das Franchise «The Purge», bedienen sich meist dystopischer Settings, um darüber Themen wie Rassismus oder Totalitarismus zu verhandeln. In «Stranger Things» finden sich solche Elemente kaum.

Auch wenn die Serie Stoff für einige gemütliche Abende voller Spannung und nostalgischer Erinnerungen bietet, bleibt sie doch auch in ihrem Gesellschaftsbild den Vorbildern aus den Achtzigern treu. Die Gefahr in Hawkins geht nicht von den Mitmenschen aus. Trotz der Bedrohung durch die Monster aus dem «Upside down» ist die Kleinstadtidylle einer mehrheitlich weissen Bevölkerung nie ernsthaft in Gefahr. Darin liegt vielleicht das wirklich Unheimliche von «Stranger Things».

Der Artikel ist zuerst am 3. November 2017 in der NZZ erschienen

Geschrieben von Beatrice Bösiger

Freelance Journalist. Moscow and more

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