Beatrice Bösiger · Die beiden Münchner Kommissare haben ihre Virilität wiedergefunden. Wirkten die beiden in ihrem letzten Fall noch arg ramponiert (Batic lag im künstlichen Koma, Leitmayr quälte sich am Stock durch die Ermittlungen), ist von körperlicher Versehrtheit nun keine Spur mehr: Während Leitmayr (Udo Wachtveitl) Möbel schleppt, gönnt sich Batic (Miroslav Nemec) zu Beginn des Films ein Schäferstündchen.

Da stört ein Mord schon fast. Ermittelt wird nach dem Tod einer jungen Frau. Verdächtigt wird ihr Lebensgefährte, ein erfolgreicher Architekt. Ziemlich rasch stellt sich allerdings heraus, dass der umtriebige Herr Jacobi nicht nur mit dem Mordopfer eine Beziehung pflegte, sondern auch noch mit einer ganzen Reihe weiterer Frauen. Davon ahnen diese jedoch nichts. Jede wähnt sich in einer glücklichen Beziehung. Umso grösser der Schock, als sie von seinem Doppelleben erfahren. Doch die Frauen leben gefährlich, wenig später geschieht ein weiterer Mord.

Die amourösen Komplikationen finden im Privatleben der Ermittler eine Fortsetzung: Batics Partnerin ist verheiratet und hat nur für bestimmte Stunden Zeit. Er sei ihr Pilateskurs, teilt sie ihm mit, bevor sie den Abend daheim mit ihrem Mann verbringt. Einsam sitzt der Kommissar darauf beim Abendessen mit Wein und gefüllten Tomaten. Anders als Jacobi leidet er an einer Beziehung ausserhalb der gesellschaftlichen Norm.

Der Titel des Films ist Programm. «Die Liebe, ein seltsames Spiel» verwendet viel Zeit darauf, das unkonventionelle Beziehungsgeflecht seiner Protagonisten aufzufächern und auszubreiten. Nicht nur die Zuschauer, selbst Batic und Leitmayr verlieren irgendwann beim Zählen der einzelnen Lebenspartnerinnen Jacobis den Überblick. Am Ende bleibt den Kommissaren nur ein Kopfschütteln.

Etwas unentschlossen wirkt dieser «Tatort» (Regie: Rainer Kaufmann), der zwischen klassischem Krimi und Beziehungsstudie schwankt. Der Mordfall bleibt an der Oberfläche, fokussiert wird auf Äusserlichkeiten. So arbeitet Architekt Jacobi in einem Büro mit viel Glas und Sichtbeton und fährt standesgemäss einen roten Oldtimer. Zu wenig werden die Konstellationen zwischen den einzelnen Figuren ausgelotet. Jacobis Frauen bleiben seltsam blass, was genau sie in dem Architekten sehen, bleibt unklar. Da gab es in letzter Zeit innovativere Krimis zu sehen, etwa aus Dortmund.

Aber Batic und Leitmayr bleiben, haben sie auch schon bessere Zeiten gesehen, ein sicherer Wert. Nach mehr als einem Vierteljahrhundert der gemeinsamen Mörderjagd funktioniert das Zusammenspiel der beiden routiniert. Die Sprüche sitzen, das Timing passt. Und hier liegt auch die Moral von der Geschicht: Eine Männerfreundschaft wie diese bringt keine Frau auseinander. Die beiden Silberrücken unter den «Tatort»-Kommissaren werden wohl noch eine Weile weiterermitteln.

„Tatort“ aus München: „Die Liebe, ein seltsames Spiel“. Erstausstrahlung am Sonntag, 21. Mai 2017

Der Text ist zuerst am 20. Mai 2017 in der NZZ erscheinen

Geschrieben von Beatrice Bösiger

Freelance Journalist. Moscow and more

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