Die patriotische Aufladung der Geschichte ist ein wichtiges Herrschaftsinstrument des Putin-Regimes. Ein Lichtblick ist das kürzlich eröffnete Gulag-Museum in Moskau, auch wenn die Aufarbeitung der stalinistischen Repression auf halbem Weg stehen bleibt.

Auf der roten Flagge prangen Hammer und Sichel. «Kein Faschismus» steht auf einem Transparent. Auf einem anderen: «Wir brauchen keine alternative Geschichte». Zum Protest gerufen hat die Nationale Befreiungsbewegung Russlands (NOD). Das Dutzend AktivistInnen läuft gegen einen SchülerInnenwettbewerb in Moskau Sturm. Es geht dabei um Geschichte, um die sowjetischen Arbeitslager, Deportationen, den 2. Weltkrieg. Als die aus allen Winkeln des Landes angereisten TeilnehmerInnen und die Mitglieder der Jury an den Protestierenden vorbei zur Preisverleihung ins Haus des Kinos wollen, hagelt es obszöne Beschimpfungen. Die ultra-nationalistischen, kremltreuen NOD-Leute werfen Eier, schütten Personen Seljonka, ein grünes Antiseptikum, ins Gesicht.

«Die Demonstranten halten uns für Volksfeinde», sagt Valentin Vorobjow. Er ist sechzehn Jahre alt, reiste extra aus der in der Wolgaregion gelegenen Teilrepublik Udmurtien in die russische Hauptstadt. Der Teenager hat sich fein gemacht und wartet nun aufgeregt vor dem Saal, in dem die Preise des Wettbewerbs, den die Nichtregierungsorganisation Memorial heuer zum 17. Mal organisiert, verliehen werden. Er hat das Schicksal ungarischer Kriegsgefangener recherchiert, die in der Nähe seines Heimatdorfes interniert waren und Zwangsarbeit in der Holzindustrie und beim Bau eines Zirkus leisten mussten. Xenia Tschinokalowa hat sich mit der Geschichte ihrer eigenen Familie beschäftigt. Neben sich hat die Schülerin aus St.Petersburg einen schwarzen Baum aus geflochtenem Draht aufgestellt. Daran hängen Porträtfotos ihrer Verwandten. Ihrer aristokratischen Herkunft wegen verloren sie nach der Oktoberrevolution ihren ganzen Besitz, erzählt die 15-Jährige. Von den DemonstrantInnen vor der Türe lässt sie sich nicht abschrecken. Diese Leute hätten keine Ahnung von russischer Geschichte, sagt sie mit einem Schulterzucken.

Für die Erinnerung an die Opfer politischer Repressionen gibt es in Russland kaum Platz. Eine der wenigen Ausnahmen neben dem Geschichtswettbewerb ist das staatliche Gulagmuseum, das im Herbst in Moskau neu eröffnet wurde. Eine beklemmende Gedenkstätte: Nach Betreten der Ausstellung ist als erstes zu hören wie eine schwere Türe knarrend ins Schloss fällt. Ein Riegel wird vorgeschoben. In der Ecke der aufgemalten Gefängniszelle steht eine Pritsche. Auf engstem Raum wurden die Menschen so nach ihrer Verhaftung zusammengepfercht, bevor sie anschliessend auf das riesige Netz von Arbeitslagern verteilt wurden, welche einst praktisch überall in der UdSSR zu finden waren. Die Aufsicht oblag der Hauptverwaltung Lager, auf Russisch: „Glawnoje uprawlenie Lagerej“. Gulag, das Akronym dieser Behörde, wurde im sowjetischen Sprachgebrauch zur Bezeichung für das gesamte Zwangsarbeits- und Repressionssystem.

Als nächstes führt der Museumsrundgang zu Schaukästen. Darin sind Gegenstände ausgestellt, die in den Lagern angefertigt wurden. Stoffmasken aus Bettwäsche gegen die Kälte, Teegeschirr aus Konservendosen, mit Lagermotiven bestickte Servietten, Zeichnungen, auf Holzstücke geschriebene Briefe. Dahinter, auf einer riesigen Leinwand, ziehen Aufnahmen endloser Wälder und kahler Felslandschaften vorbei. Dazwischen Minenschächte aus Holz und halbverfallene Baracken: Die heute noch sichtbaren Überreste der Lager im Fernen Osten Russlands. Im nächsten Raum werden historische Fernsehbilder einer weinenden Menschenmenge nach Josef Stalins Tod 1953 gezeigt. Dazu erzählen ZeitzeugInnen in Interviews, was sie bei der Nachricht vom Tod des Diktators empfanden. Während einige von Trauer berichten, spricht aus anderen noch heute die Freude darüber, dass sein Tod für sie die Heimkehr aus dem Gulag bedeutete.
Die unter Stalins Schreckensherrschaft verübten Verbrechen, denen Schätzungen zufolge mehrere Millionen Menschen zum Opfer fielen, sind in der Ausstellung unbestritten. Einiges werde allerdings relativiert und abgeschwächt, kritisiert die Historikerin Irina Scherbakowa, von Memorial, einer der wichtigsten Organisationen in Russland zur Aufarbeitung des Gulags. Tod, Krankheit und Gewalt im Lager würden kaum erwähnt. Stattdessen finden sich lange Statistiken zur wirtschaftlichen Produktionsleistung der Lager. Die Schicksale hinter den berührenden persönlichen Objekten bleiben im Dunkeln. Wo einzelne Biographien in den Vordergrund gerückt werden, sind es Personen wie der Konstrukteur der legendären Sojus-Raketen, Sergej Koroljow, die nach ihrer Freilassung aus dem Gulag Grosses für die UdSSR leisteten. Die aufwändig konzipierte Ausstellung hinterlasse bei ihr den Eindruck, Russland habe diesen Teil seiner Geschichte längst erfolgreich überwunden – dies sei jedoch ein Irrtum, meint Scherbakowa.
Trotzdem sind solche Gedenkstätten in Russland eher untypisch. Museen zelebrieren sonst lieber Stärke, Sieg und Heldenmut. Ein Narrativ das laut Scherbakowa gerade für die junge Generation attraktiv ist. Viele preisen Stalin als effektiven Manager für die Schaffung eines starken und mächtigen Staates. Das habe den Sieg der UdSSR im Grossen Vaterländischen Krieg, wie der 2. Weltkrieg hier heisst, über den Faschismus überhaupt erst möglich gemacht, lautet eine populäre Meinung. Bis in den Alltag hinein setzt sich die Stalin-Renaissance fort. Souvenirläden verkaufen T-Shirts mit einem Jugendfoto des Diktators und der Aufschrift «Stalin war ein Hipster» und mit einer App fürs Smartphone kann dem eigenen Selfie ein typischer Stalin-Schnurrbart verpasst werden. Jeder vierte ist heute davon überzeugt, dass es unter Stalin mehr gute als schlechte Zeiten gab, 1999 waren es noch neunzehn Prozent. Repression und Terror sei ein notwendiges Übel gewesen, die Verurteilten seien doch irgendwie schuldig gewesen, ist oft zu hören.

Seit der Wahl Wladimir Putins zum russischen Präsidenten im Jahr 2000 hat der Kreml ein lebhaftes Interesse an Geschichtspolitik entwickelt. Herrschte zuvor Angst vor einer Rückkehr der KommunistInnen an die Macht, wurde nun zusehends ein starker Staat beschworen und die Sowjetunion in ein positives Licht gerückt. «Geschichte ist heute in Putins Russland ganz klar Gegenstand der Politik», sagt Leonid Katswa, der an einem Moskauer Gymnasium Geschichte unterrichtet. Der stalinistische Terror werde zwar nicht negiert, dafür aber erklärt und gerechtfertigt: Die UdSSR habe sich damals in einer schwierigen Lage befunden und musste sich zahlreicher Feinde erwehren, ist in einigen Schulbüchern zu lesen. Für die Verbreitung von patriotischem Gedankengut sorgen kremltreue Jugendorganisationen wie die «Junge Garde» der Regierungspartei «Einiges Russland». Ob Stalin richtig oder falsch gehandelt habe, darauf will sich Jegor Litwinjenko, Mitglied im Koordinationsrat der «Jungen Garde» aber lieber nicht festlegen. Er habe damals nicht gelebt und könne die Frage daher nicht beantworten, meint der 24-Jährige. Tief beeindruckt haben ihn jedoch die Erlebnisse seiner Urgrossväter im Grossen Vaterländischen Krieg und dem Sturm auf Berlin 1945, erzählt er. Die Erinnerung an den Sieg der Roten Armee vereinige alle in Russland lebenden Menschen. Untrennbar sei die Geschichte des Landes damit verbunden, meint Jungpolitiker Litwinjenko und schwärmt vom «Tag des Sieges» der alljährlich am 9. Mai gefeiert wird.

Anfang Mai wird Moskau jeweils zu einer einzigen grossen Gedenkstätte. Dem «Tag des Sieges» ist kaum auszuweichen: Autos tragen Aufkleber mit der Aufschrift: «Danke Opa für den Sieg» oder «Auf nach Berlin». Einige haben für ihr Autodach einen Panzerturm aus Pappmache gebastelt. Im Kaffee trägt die Bedienung olivgrün, auf dem Kopf ein braunes Käppi mit rotem Sowjetstern. Militärparaden und Veteranenaufmärsche finden statt. Zehntausende der orange-schwarzen St. Georgsbänder, dem Symbol des Sieges von 1945, werden kostenlos verteilt. Viele tragen sie an Jacke, Tasche oder am Fahrrad. Der Übergang von der Erinnerung zum Kommerz ist fliessend: Wodka mit orange-schwarzer Etikette wird verkauft, es gibt Babystrampler im Uniformlook, Nachtclubs werben für den «Tanz des Sieges». Mit ihrer Politik habe die russische Regierung erreicht, dass individuelle, familiäre Erinnerungen entpolitisiert wurden, meint Historikerin Scherbakowa. Auch in den Arbeiten des SchülerInnenwettbewerbs würden Familienschicksale tragisch geschildert. Doch statt darüber hinaus das damalige Regime kritisch zu hinterfragen, greifen die SchülerInnen zu patriotischen Parolen. Der Sieg über die Faschisten und die Effizienz Stalins werden beschworen.

Am SchülerInnenwettbewerb im Haus des Kinos wartet Nikolaj Kolesnikow gemeinsam mit zwei Klassenkameradinnen auf den Veranstaltungsbeginn. «Natürlich waren die Repressionen während der Stalinzeit schlecht», meint der Siebzehnjährige aus Nischni Nowgorod, dessen Urgrossvater zusammen mit weiteren Familienmitgliedern unter Stalin ins Baltikum deportiert wurde und deren Geschichte er nun für den Wettbewerb aufgearbeitet hat. Stalin habe aber die Faschisten besiegt und Russland vorangebracht. «Er hatte gute und schlechte Seiten. Wie jeder Mensch», erklärt der Schüler unter zustimmendem Nicken seiner Kolleginnen.

 

Memorial:

In der Menschenrechtsorganisation Memorial versammelten sich ab 1987 ehemalige Lagerhäftlinge und politische Dissidenten. Prominentestes Mitglied war der Schriftsteller Andrej Sacharow. Sie forderten unter anderem die Öffnung der KGB-Archive. Seit Putins Rückkehr in den Kreml 2012 werden die Räume für eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit jedoch zunehmends enger. Restriktive Gesetze, wie etwa das sogenannte NGO-Agentengesetz führen dazu, dass NGO welche Gelder aus dem Ausland annehmen, auf einer Liste sogenannter „ausländischer Agenten“ landen. Zur Zeit stehen 130 Organisationen darauf, darunter auch mehrere Mitgliedsorganisationen von Memorial. „Ausländische Agenten“ müssen etwa mit strengeren Steuer- und Bilanzprüfungen sowie Kontrollen des veröffentlichten Materials rechnen. Unter den Schikanen haben viele NGO bereits kapituliert, einige Mitarbeiter suchten im Ausland um Asyl an. Ausländische Donatoren sind für russische NGOs allerdings überlebenswichtig. Schätzungen von BürgerrechtlerInnen zufolge beträgt der Anteil ausländischer Finanzierung bei vielen mehr als zwei Dritteln.

 

Der Artikel ist zuerst am 9.Juni in der WOZ erschienen

Geschrieben von Beatrice Bösiger

Freelance Journalist. Moscow and more

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