Ein russischer Vizeminister, ein Senator, Abgeordnete verschiedener Kammern und Manager von Staatsunternehmen. Sie alle wurden an einer sogenannten „Panama Party“ von Freiwilligen aufgespürt. Geladen hatte die Anti-Korruptionsorganisation Transparency International in Moskau. In stundenlanger Kleinarbeit suchten die Aktivisten nach verdächtigen Namen und Organisationen in den „Panama Papieren“, Sie fanden schliesslich 40 Personen, welche ein öffentliches Amt in Russland ausüben oder mit einem Amtsträger verwandt sind. 
Grundlage der Recherche ist das gigantische Datenleck aus dem Archiv des panamaischen Offshore-Dienstleisters Mossack Fonseca, das im Frühjahr vom Internationalen Konsortium für Investigativen Journalismus (ICIJ) veröffentlicht wurde. Zum Vorschein kamen dabei nicht nur die Namen von Managern russischer Staatsbetriebe und Beamten. Ihre Nachforschungen führten die Journalisten auch in den Freundeskreis des russischen Präsidenten Wladimir Putin, zu dessen St. Petersburger Jugendfreund und Patenonkel seiner Tochter, Sergej Roldugin. Über Offshore-Firmen im Besitz des St. Petersburger Cellisten wurden rund zwei Milliarden $ verschoben. Bedient hat man sich dabei eines komplizierten und nur schwer nachvollziehbaren Geflechts fiktiver Beraterhonorare und wieder aufgelösten Aktienkäufen, bei denen hohe Provisionen eingestrichen wurden. Die Gelder wurden unter anderem dazu verwendet, um wiederum Anteile an russischen Staatsunternehmen zu erwerben. Kritiker des russischen Präsidenten sahen durch die Recherchen ihren Verdacht bestätigt, dass Putin ein verstecktes Vermögen besitzt. „ Roldugin ist nur einer von vielen Leuten, auf die er sein Vermögen aufgebaut hat. Putin ist der korrupteste Mensch Russlands.“, sagt etwa Georgij Alburow. Der 26-Jährige ist Mitarbeiter in der Stiftung gegen Korruption des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny. 
Überraschendes forderten die Enthüllungen aus dem Mossack Fonseca-Archiv für russische Anti-Korruptionsexperten aber trotzdem kaum zu Tage. „Das Datenleck bei Mossack Fonseca ist aber nur ein kleiner Teil des Ganzen“, sagt Alburow. Ein grosser Teil der russischen Staatsbeamten verfüge heute über Offshore-Firmen, weiteres sei zu erwarten, meint der Anti-Korruptionsaktivist. Solche Veröffentlichungen wie die des ICIJ seien jedoch trotzdem wichtig, zeigten sie doch der Öffentlichkeit wie solch verschachtelte Offshore-Konstrukte funktionieren und Gelder welchen Ursprungs dorthin verschoben werden, sagt dagegen Elena Panfilowa, Russland-Vorsitzende von Transparency International. „Grundsätzlich ist aber gegen Offshore nichts einzuwenden. Das ist ein Finanzinstrument wie eine Hypothek“, fügt Panfilowa an. 
Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben viele Unternehmer ihr Vermögen ins Ausland verlegt, nicht zuletzt um sich vor feindlichen Übernahmen zu schützen und um ihren Besitz dem Zugriff der Institutionen zu entziehen. Problematisch ist dagegen, dass Offshore-Konstrukte sehr einfach missbraucht werden können. Gelder aus Waffen-, Drogenhandel und korrupten Geschäften würden laut Panfilova darüber gewaschen.  
Die Anti-Korruptionsaktivisten konzentrieren sich zur Zeit allerdings hauptsächlich auf Staatsangestellte und deren Familienangehörige. Laut Gesetz der Russischen Föderation ist denen seit 2013 der Besitz eines Kontos bei einer ausländischen Bank oder eine Investition in eine Firma im Ausland untersagt. Wie ein Blick in die Daten von Mossack Fonseca zeigt, ist die Realität jedoch meist eine andere: „Neben dem Gesetz existieren in Russland ungeschriebene Regeln, die nur für bestimmte Personengruppen gelten“, meint Panfilowa. „Deren Motivation für eine illegale Bereicherung funktioniert so: Alle besitzen eine Villa am Schwarzen Meer, also muss ich mir auch eine bauen. Einen Lexus muss ich mir kaufen, weil alle auch einen besitzen und meine Kinder müssen ebenfalls im Ausland studieren wenn das so üblich ist“, sagt sie. 
Kapitalflucht ins Ausland ist für Moskau schon länger ein Problem. 2012 hat Präsident Putin eine „Deoffshorisierung“ der russischen Wirtschaft gestartet. Neben dem Verbot für Beamte ihr Vermögen im Ausland zu platzieren, müssen nun auch Privatpersonen ihre ausländischen Konti den russischen Steuerbehörden melden, Anfang Juli läuft die Frist für die sogenannte „Kapital-Amnestie“ nun aus. Dann will sich Russland dem automatischen Informationsaustausch anschliessen. Offiziellen Angaben zufolge wurden bis jetzt 100.000 Konti den Behörden gemeldet. Die Wirtschaftskrise, schärfere Gesetze und die Androhung von Strafen scheinen bereits erste Wirkung zu zeigen: Die russische Zentralbank schätzt den Kapitalabfluss zwischen Januar und April 2016 auf 12,8 Milliarden $. 2014 betrug die Summe insgesamt 152,9 Milliarden $, 2015 58,1 Milliarden $.
Die „Deoffshorisierung“ des Präsidenten alleine reicht freilich nicht, um die Korruption in Russland nachhaltig zu bekämpfen. „Das Problem ist, dass das System nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion an ganz verschiedenen Zentren der Macht entstanden ist“, sagt Panfilowa. Gäbe es einen zentralen Plan, einen Mastermind, wäre der Kampf dagegen viel einfacher. Entscheidend sei auch nicht, ob Präsident Putin illegale Besitzümer angehäuft hat. „Es gehört ins Reich der Märchen, dass Putin selbst Anweisungen gegeben hat, Gelder ins Ausland zu verschieben“, winkt sie ab. Als bedeutend schlimmer für den russischen Staat schätzt Panfilowa es ein, wenn plötzlich Gelder aus korrupten Geschäften bei jemandem aus dem Justizsystem oder der Gefängnisverwaltung gefunden würden. 
Gegen korrupte Beamte und Politiker zu ermitteln, wäre eigentlich die Aufgabe des Justizsystems und der Sicherheitsorgane. In Russland müssen jedoch NGOs und Journalisten in die Bresche springen. Fünf ihrer Mitarbeiter seien jeden Tag damit beschäftigt, Eingaben an die Behörden zu richten, erzählt Alburow. Ohne Erfolg. Bislang wurden noch keine Ermittlungen aufgenommen. Im Gegenteil: Wer zu genau hinschaut, riskiert ins Visier der Sicherheitsorgane zu geraten. Mitte Mai wurde bereits die Chefredaktion der Mediaholding RBK entlassen, diese hatte mehrere Male ausführlich über die „Panama Papiere“ berichtet. Aktivist Alburow veröffentlichte zudem unlängst Dokumente, die belegen sollen, dass der grösste russische Telekomanbieter MTS dem Inlandsgeheimdienst FSB erlaubte, sein Telefon zu hacken. 
Alburow wie Panfilowa zeigen sich skeptisch, ob ein Machtwechsel im Kreml auch automatisch weniger Korruption mit sich bringen würde. Es braucht politischen Willen, neue Leute, meint Alburow. Panfilowa zeigt sich aber trotzdem optimistisch:„Globalisierung und die steigende Informationsmenge machen es immer schwieriger, Eigentum zu verstecken. Etwas findet sich immer“. 

Geschrieben von Beatrice Bösiger

Freelance Journalist. Moscow and more

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