Sabetta. Der Wind fährt durch Mark und Bein. Kälte und Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt machen den Aufenthalt am Hafen von Sabetta zu einer schmerzhaften Erfahrung. Währendessen bahnt sich im Hintergrund die Johann Machmastal langsam ihren Weg durch das Eis. Stets knapp vor ihr: der blau-gelbe Eisbrecher Tor. Es ist Anfang Mai auf der russischen Jamal-Halbinsel. Besser wäre, jetzt am nördlichen Ufer des Schwarzen Meeres, als am südlichen der Karasee zu sein, scherzt die Hafenbelegschaft mit der Besucherin.

Die Johann Machmastal hat Baumaterial nach Sabetta geliefert. Die Siedlung aus blau-orangen Baracken hinterlässt inmitten der Schneewüste einen provisorischen Eindruck. An allen Ecken wird gebaut. Auf einem Feld streitet sich ein nur schemenhaft zu sehender Polarfuchs mit einer Meute Krähen um Futter. Bis zu minus 50 Grad kann es hier im Januar werden. Trotzdem will „Yamal LNG“ ab 2017 LNG aus Sabbetta, 2400 Kilometer entfernt von Moskau, verschiffen. Die Errichtung der Infrastruktur für Förderung, Verflüssigung und Verladung des Erdgases ist in dieser unwirtlichen Gegend eine Herausforderung. Betonpfeiler lassen sich im Permafrostboden nur schwer verankern. Die arktischen Sommer sind kurz, die Schifffahrt ist nur zwischen Juli und November möglich. Erschwerend kommt dazu, dass sich Sabetta nur aus der Luft oder übers Wasser erreichen lässt. Strassen gibt es keine. Mehr als drei Millionen Tonnen Baumaterial wurden im vergangenen Jahr per Schiff auf die Jamal-Halbinsel geliefert.

Sabetta-Baracken

15.000 Personen arbeiten am Bau der drei geplanten Produktionsstrassen in denen das Erdgas verflüssigt wird. Jede einzelne verfügt über eine Kapazität von 5,5 Millionen Tonnen LNG pro Jahr. Eine ständige Wohnbevölkerung hat Sabetta, das 1980 für ein Team von sowjetischen Geologen gegründet wurde, keine. Arbeiter und Spezialisten lösen sich nach dem immer gleichen Schema ab: Einen Monat arbeiten, einen Monat Urlaub bevor es erneut zurück über den Polarkreis geht. Gefördert wird das Gas für „Yamal LNG“ in unmittelbarer Nachbarschaft, auf dem Gasfeld „South Tambey“, das bereits 1974 entdeckt wurde. Von der ersten LNG-Fabrik, die in kurzer Distanz zum Hafen aufgebaut wird, ist zurzeit nur ein Betonskelett, durch das eine Unzahl Röhren führt, zu sehen. Daneben stehen vier riesige Gasspeicher, in denen das LNG vor dem Transport bei minus 165 Grad gelagert wird. Der Rohbau der Einzelteile erfolgt in verschiedenen Werften, unter anderem in China und den Philippinen, die Endmontage geschah in Sabetta. „Die beiden grössten Module wiegen 6000 Tonnen, sind 38 Meter hoch. Wir erwarten ihre Lieferung aus China im August”, sagt Dmitri Monakow, erster Vizedirektor des Bauprojekts stolz.

LNG-Train

Laut der Projektgesellschaft sind die Gesamtkosten für „Yamal LNG“ in der Höhe von geschätzten 27 Milliarden $ finanziert. 96 Prozent der LNG-Produktion wurden bereits auf der Basis langfristiger Nimm-oder-Bezahl-Verträge in den asiatisch-pazifischen Raum, dem wichtigsten Markt für LNG, verkauft. Der grösste Anteil am Projekt besitzt der russische Gaskonzern Novatek (50,1 Prozent), dann CNPC aus China und Total aus Frankreich (jeweils 20 Prozent). Im März hat der staatliche chinesische „Silk Road Fund“ zudem 9,9 Prozent für etwas mehr als eine Milliarde € übernommen. Lange Zeit stand die Finanzierung in der Schwebe, Novatek ist der Zugang zum amerikanischen Kapitalmarkt verwehrt. Im Zuge der Ukraine-Krise belegte Washington den Konzern mit Sanktionen, da zu dessen Anteilseignern auch der Präsident Wladimir Putin nahestehende Oligarch Gennadi Timtschenko gehört. Die Aktionäre mussten das Kapital deshalb selbst aufbringen. Weitere Probleme durch die Sanktionen gab es jedoch nicht. Laut Novatek werden beim Bau der LNG-Fabriken keine Ausrüstung die auf der Sanktionsliste stehen benötigt.

Für Russland ist ein Erfolg von „Yamal LNG“ auch politisch von Bedeutung. Umgerechnet zwei Milliarden € hat die russische Regierung aus dem Nationalen Wohlfahrtsfonds beigesteuert und übernimmt einen Teil des Hafenausbaus. Der Kreml will damit demonstrieren, dass trotz westlicher Sanktionen  solche Mammutprojekte realisiert werden können. Mit chinesischer Unterstützung: Neben russischen Staatsbanken haben zuletzt auch die chinesische Entwicklungsbank und die Export-Import Bank aus China „Yamal LNG“ Ende April einen Kredit in der Höhe von zwölf Milliarden $ gewährt. „Das ist für uns das wichtigste, dass China an das Projekt glaubt“, sagt Monakow.

LNG-Speicher

Novatek will das ganze Jahr über aus Sabetta LNG liefern. Während der eisfreien Monate im Sommer nach Asien, im arktischen Winter nach Europa. Dazu werden in Südkorea spezielle Tanker der Arc7-Klasse gebaut, die zwei Meter dickes Eis brechen können. Von der Route entlang der russischen Nordküste erhofft sich Novatek einen Wettbewerbsvorteil. Die Nordostpassage ist um rund 5000 Seemeilen kürzer als die Route durch den Suezkanals. Auf dem Weg nach Asien könne 30 bis 50 Prozent der Zeit eingespart werden. Das spare Treibstoff und damit Kosten, heisst es. Moskau versucht schon seit längerem den Seeweg durch das Polarmeer aktiv als internationalen Transportweg zu positionieren. 2015 wurde eigens eine Entwicklungsstrategie verabschiedet um das Potential der Route besser ausschöpfen zu können. Dieses liegt Schätzungen der russischen Regierung zufolge bei 80 Millionen Tonnen pro Jahr. Bislang liegt das Frachtaufkommen mit durchschnittlich vier bis fünf Millionen Tonnen pro Jahr aber deutlich darunter.

Experten sehen Moskaus Zukunftspläne für den strategisch wichtigen eisigen Norden skeptisch. Einerseits wegen des Klimas, andererseits sind die Kosten hoch. Zwar schwindet die arktische Eisdecke durch den Klimawandel zusehends, das Wetter bleibt jedoch harsch und unberechenbar, was Schiffe mitunter zu langen Wartezeiten zwingen kann. Neben den Gebühren für die Durchfahrt, die Russland einhebt, kommen zudem noch die Kosten für die Eisbrecher dazu. Laut der Zeitung Kommersant kostet die Eskorte durch einen atomgetriebenen Eisbrecher 100.000 $ pro Tag. Für einen Frachter mit einem speziell verstärkten Rumpf, welcher die ganzjährige Befahrung der Route erlaubt, müssen etwa 73.000 $ pro Tag bezahlt werden.

Ob sich LNG aus Sabetta unter diesen Bedingungen lohnt, muss sich zeigen. Neben wirtschaftlichen Risiken birgt die Rohstoffförderung im sensiblen arktischen Ökosystem nicht zuletzt auch grosse Gefahren für die Umwelt. In den vergangenen zwei Jahren ist zudem der internationale Transitverkehr auf der Nordostpassage deutlich zurückgegangen. Entfielen zwischen 2011 und 2013 noch rund 30 Prozent des Frachtaufkommens auf internationale Unternehmen, betrug der Anteil 2014 noch sieben Prozent. Im vergangenen Jahr war es noch weniger als ein Prozent – acht Schiffe insgesamt.

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Die Reise wurde auf Einladung von Novatek ermöglicht.

Der Text ist am 23.Mai 2016 im Wirtschaftsblatt erschienen

Geschrieben von Beatrice Bösiger

Freelance Journalist. Moscow and more

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