„Wir gestalten die Zukunft“ steht in grossen Lettern auf einer Schautafel. Im lichtdurchfluteten Kongresszentrum unweit des Moskauer Kremls dominieren Blautöne und die Farbe Weiss. Rosatom, die Staatskorporation, welche den gesamten zivilen und militärischen Nuklearsektor Russlands kontrolliert, lädt zur internationalen Atomexpo. Die Nuklearbranche gibt sich umweltfreundlich, transparent, fit für die Zukunft. Vorgestellt wird etwa das AWK, das momentan in Weissrussland gebaut wird oder ein Projekt für ein Atommüll-Endlager in Sibirien. Eine LED-Laufschrift mitten in den Messeständen zeigt laufend, wie viele Tonnen CO2 bei der Stromproduktion in diesem Jahr durch Atomenergie eingespart wurden. In einer Spielecke wird bereits Kindern Kernspaltung und Atomphysik nahegebracht. Aus einem Automaten lassen sich T-Shirts mit den Konterfeis sowjetischer Nuklearwissenschaftler ziehen.

Auch Bruno Comby ist Teil dieser schönen, neuen Welt: „Die meisten Umweltschützer sind technologiefeindlich, Pessimisten. Ich dagegen bin Optimist. Die Atomenergie ist eine Technologie die uns dabei hilft, die grossen Fragen einer künftigen Energieversorgung zu lösen“, sagt der Franzose, Autor und einer der Gründer von „Umweltschützer für Nuklearenergie“ (EFN). Ohne AKW sei keine klimaneutrale Lebensweise möglich, behauptet er. Seine Botschaft wiederholt Comby auch während der Eröffnung der Atomexpo, wo er gemeinsam mit Rosatom-CEO Sergej Kirijenko auf dem Podium sitzt. Dieser streicht die Umweltfreundlichkeit von Atomkraftwerken ebenfalls hervor: „2013 wurden dank der russischen AKW 711 Millionen Tonnen CO2 eingespart. Das sind die Emissionen welche alle Autos in Russland während sechs Jahren produzieren“. Nuklearenergie hat in Russland allerdings immer noch einen relativ geringen Anteil von etwas über 18 Prozent am Energiemix. Da die Gasvorräte jedoch zur Neige gehen und die bestehenden Reaktoren immer älter werden, will Moskau bis 2030 den Anteil der Atomenergie auf 25 bis 30 Prozent steigern. Kostenexplosionen und Korruption lassen die Einhaltung des Zeitplans jedoch fraglich erscheinen.

An der Atomexpo führt Rosatom seine Technologie auch ausländischen Delegationen vor. AKW seien eine sichere, saubere und günstige Lösung um den stetig wachsenden Energiebedarf von Schwellenländern zu sichern, wird immer wieder betont. Russische Reaktoren werden momentan etwa in Indien, dem Iran, China oder Bangladesh gebaut. Mit Ländern wie Bolivien oder Südafrika hat die Staatskorporation Absichtserklärungen unterzeichnet. Das Auftragsbuch ist gut gefüllt: Zum Abschluss der Atomexpo spricht der Rosatom-CEO gegenüber Journalisten von Bestellungen in der Höhe von zehn Milliarden $. Unklar ist, wie hoch der Profit seiner aggressiven Expansionsstrategie für Rosatom letztendlich ist. Die Verträge umfassen den ganzen Lebenszyklus eines Kraftwerks, von Bau und Finanzierung über Wartung und Brennstofflieferung bis hin zur Lagerund der atomaren Abfälle. Die Vereinbarungen haben eine Laufzeit zwischen 80 und 100 Jahren. Politische Zyklen seien um einiges kürzer, meint der Rotatom-Chef. Das bringt Risiken mit sich. Niemand kann garantieren, ob künftige Regierungen die Abkommen immer noch einhalten.

Unter Kirijenko, welcher der Staatskorporation seit ihrer Gründung 2007 vorsteht, gibt sich Rosatom transparenter und offener. Man geht Kooperationen mit kritischen Nichtregierungsorganisationen ein, unterstützt sie teilweise sogar mit Geld. „Sicher ein richtiger Schritt“, sagt Alexej Kozlow, Umweltaktivist aus Woronesch. 45 Kilometer der südöstlich von Moskau gelegenen Millionenstadt liegt das älteste kommerzielle AKW Russlands, Nowoworonesch. Die neue Strategie habe die NGOs jedoch gespalten, die ehemals vereinte Front gegen Rosatom sei auseinandergebrochen, erzählt Kozlow. Vieles sei allerdings pure PR und „Grünfärberei“ . Die russischen AKW wurden weder umweltfreundlicher noch sicherer. Das Problem mit dem Atomabfall ist nach wie vor ungelöst. Anstatt stillgelegt, wurde bei alten Reaktoren nach einer Modernisierung einfach die Laufzeit verlängert. Für Kozlow hat dies vor wirtschaftliche Gründe. Der Rückbau eines AKWs kostet, währenddessen der Gewinn aus Stromproduktion wegfällt.

Kritik und Sicherheitsbedenken wischen die Verantwortlichen jedoch weg. „Die Sicherheit und ökologische Verträglichkeit unserer Reaktoren sind erwiesen“, sagt Wladimir Powarow, Direktor des AKW Nowoworonesch tags darauf bei einer Präsentation. In der Stadt hat Rosenergoatom, das für die Stromgewinnung zuständige Rosatom-Tochterunternehmen, vor Kurzem eine Weiterentwicklung der sogenannten Wasser-Wasser-Energie-Reaktoren vom Typ VVER-1200 in Betrieb genommen, den weltweit ersten, wie Powarow stolz betont. Ein weiterer ist noch im Bau. Der Reaktor, der unter der Bezeichnung Generation 3+ vermarktet wird, hat laut dem Konzern eine Laufzeit von 60 Jahren. Am Empfang im „Haus der Kultur“, mitten im Stadtzentrum von Nowoworonesch nehmen neben Medienvertretern auch  potentielle Kaufinteressenten aus Asien und Afrika teil.

Das AKW ist bereits sei 1964 in Betrieb. Zwei der fünf bisherigen Reaktoren wurden bereits stillgelegt, die restlichen wurden an die neuen Sicherheitsvorschriften angepasst und ihre Laufzeit verlängert. Nicht immer ist laut Umweltaktivisten klar, nach welchen Bedingungen die Tests erfolgen. Die Modernisierung von Reaktor 5 kostete laut Rosatom umgerechnet 191 Millionen €. Wie teuer der Bau der zwei neuen VVER-1200 Reaktoren ist, gibt die Staatskorporation dagegen nicht bekannt. Der Preis eines Reaktors hänge von verschiedenen Faktoren ab, etwa ob der Bauplatz in einer erdbebengefährdeten Region liegt und was für eine Ausrüstung nötig ist. Ihre Reaktoren seien aber günstiger als die der Konkurrenz, zählt Powarow ausweichend auf. Medienberichten zufolge soll die Staatskorporation umgerechnet rund drei Milliarden € in Nowoworonesch investieren.

Rosatom ist damit in der Stadt am Ufer des Don, 580 Kilometer südlich von Moskau gelegen, der wichtigste Arbeitgeber.  Eine Mehrheit steht dem AKW positiv gegenüber, der Bau der zwei neuen Reaktoren sei eine wirtschaftliche Wiedergeburt für die Monostadt, heisst es. Zwei Drittel der 31.500 Einwohner sind „Atomschiki“, arbeiten entweder direkt im AKW oder sind wirtschaftlich davon abhängig und verdienen etwa bei einem Zulieferbetrieb ihr Geld. Offiziellen Angaben zufolge liegen die Gehälter hier um 20 bis 25 Prozent höher als in der umliegenden Region. Die wirtschaftliche Abhängigkeit wird jedoch auch kritisiert. Ohne Segen des Atomkraftwerks geschehe in Nowoworonesch nichts, nicht einmal ein neues Geschäft könne aufsperren, mein Kozlow. Das AKW ist im Strassenbild auf Schritt und Tritt gegenwärtig: Das Kino heisst Uran. Sanatorium, Sporthalle, Gesundheitsversorgung finanziert das Kraftwerk ebenso wie ein moderner Brunnen mit Licht und Musik. Quer über den ganzen Hauptplatz ist dessen Melodie zu hören. Der Klang der Verheissungen der Nuklearenergie will allerdings nicht so richtig in eine russische Kleinstadt passen.

Der Artikel ist zuerst am 27.Juni im Wirtschaftsblatt erschienen

Geschrieben von Beatrice Bösiger

Freelance Journalist. Moscow and more

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