Die «Tatort»-Macher haben in «Dunkle Zeit» den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien im Blick. Das geht ein bisschen auf Kosten der Spannung, was Thorsten Falke mit saloppen Sprüchen überspielt.

Die Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) ermitteln im Milieu der rechtspopulistischen Neuen Patrioten. Während des Wahlkampfs wird die aufstrebende Parteichefin Nina Schramm (Anja Kling) Ziel von Morddrohungen linker Autonomer. Die Ermittler übernehmen den Personenschutz der Politikerin, optisch eine Mischung zwischen Alice Weidel (AfD) und Marine Le Pen (Front national).

Bei der Handlung nahmen die Macher (Buch und Regie: Niki Stein) ebenfalls Anleihen beim Aufstieg rechtspopulistischer Parteien in Europa. Eigentlich keine schlechten Voraussetzungen für einen spannenden Sonntagabend. Das Zeug zum packenden Politthriller fehlt dem «Tatort» dann aber doch. Zu bekannt sind die Themen: Fake-News, der Kampf gegen Migration, das Establishment und «Systemmedien», alles bereits in den Abendnachrichten gehört.

Falke und Grosz

Spannend ist «Dunkle Zeit» dann, wenn der rechte Sicherheitsdiskurs zum Gespräch wird. Die Parteichefin und ihr windig-smarter Polittechnologe versuchen die Ermittler auf ihre Seite zu ziehen: Die Neuen Patrioten seien die Einzigen, welche die Anliegen der Polizei verstünden. Das politische Establishment kürze dagegen nur beim Personal und schaffe so rechtsfreie Räume. Aus seiner Abneigung gegen dieses Gedankengut macht Falke kein Hehl. Rechtspopulisten sind für ihn «Analphabeten mit Internetanschluss».

Der Agitation setzt er bodenständige Schlagfertigkeit entgegen: «Deutschland», entgegnet er auf die Frage, wer am meisten von einem Anschlag auf Schramm profitieren würde – das sitzt. Anders Grosz: Sie besteht auf korrektem Einhalten der Vorschriften und kritisiert Falke. Seine lasche Handhabung der Regeln und seine saloppen Sprüche machten die Behörden nur angreifbar gegen rechte Kritik.

Auch wenn der «Tatort» eher mit politischer Haltung als mit Spannung zu überzeugen versucht – Falke bei seinen verbalen Breitseiten gegen die Politik zuzuschauen, ist vergnüglich. Irgendwann gehen ihm aber die Argumente aus. Auf seine mit viel Verve vorgetragenen Kindheitserinnerungen aus einem multikulturellen Arbeiterviertel verdreht die Politikerin bloss die Augen und kontert mit dem Stimmenanteil, den ihre Partei bei der letzten Wahl dort erzielt hatte.

Wichtiges Stück Aktualität

In «Dunkle Zeit» manipulieren die Populisten skrupellos die Öffentlichkeit. Mit Schlagfertigkeit und gesundem Menschenverstand allein ist ihnen nicht wirksam beizukommen. Damit gelingt dem «Tatort» ein wichtiges Stück Aktualität. Es ist die schmallippige, korrekte Polizistin, welche die Ermittlungen voranbringt. «Sie! Ich erwarte Respekt von Ihnen», herrscht sie einen der Rechten an, der sie duzt. Dem absoluten Machthunger der Neuen Patrioten hat man aber nichts entgegenzusetzen. In der Tat eine dunkle Zeit.

Der Artikel ist zuerst am 17. Dezember 2017 in der NZZ erschienen

Geschrieben von Beatrice Bösiger

Freelance Journalist. Moscow and more

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