Pünktlich auf die Minute fährt der Vorortszug aus Slawutitsch nach Tschernobyl ab. Es ist 11 Uhr 15. Die Wagen sind halb leer. Nur wenige fahren so spät noch ins 50 Kilometer entfernte Kernkraftwerk zur Arbeit. „Ich sitze bereits in der Pjannaja, wir sehen uns auf der Station“, spricht ein junger Mann neben uns in sein Handy. Pjannaja, auf Deutsch „die Betrunkene“ nennen die Arbeiter den Zug. Wer erst damit zur Arbeit fährt, hat wohl am Vorabend zu lange gefeiert, heisst es. 45 Minuten dauert die Fahrt. Links und rechts der Bahngeleise wechseln sich Felder, Wald und Sumpflandschaften ab.

Vor dem Unglückskraftwerk erinnert ein Denkmal in Form zweier Hände, die einen Reaktor umschliessen, an die Katastrophe vom 26.April 1986. Für die Helden, welche die Welt vor dem radioaktiven Unglück schützten, ist zu lesen. Im Hintergrund, eingezäunt mit Stacheldraht hinter schweren Sicherheitstüren und mit Videoüberwachung erhebt sich grau das AKW. Der damals hastig über dem explodierten Reaktor 4 errichtete Sarkophag aus Stahl und Beton macht einen baufälligen Eindruck. Kräne ragen in die Luft, an der Seite sind Gerüste angebracht. Unmittelbar daneben ragt die glänzende, gigantische Stahlkonstruktion der bogenförmigen neuen Schutzhülle in die Höhe, die Schutz für die nächsten 100 Jahre bieten soll.

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In nur zwei Kilometer Entfernung zum Kernkraftwerk lebte 1986 Elena Germanowitsch. In Prypjat, zusammen mit ihrer Familie. Mit nassen Tüchern vor den Fenstern hätten sie vor 30 Jahren versucht das Eindringen von Radioaktivität zu verhindern, erzählt die energische 53-jährige Frau, die heute in Koordination mit der NGO Green Cross Ukraine soziale Unterstützung für Tschernobyl-Betroffene leistet. Am Tag nach dem Unfall wurde die ganze Stadt mit Autobussen evakuiert. Untergebracht wurde Familie Germanowitsch vorerst in der Nähe von Kiew. Nur spärlich drangen Informationen über die gewaltigen Ausmasse der Nuklearkatastrophe an die Öffentlichkeit. „Erst hiess es, wir müssten die Stadt nur für drei Tage verlassen. Später durften wir aber nicht mal mehr zurück um unsere Sachen zu holen“, erzählt sie. Im Radius von 30 Kilometern wurde eine Sperrzone um das AKW errichtet. Wechselhaftes Wetter verteilte den radioaktiven Fallout allerdings weit darüber hinaus. Rund fünf Millionen Menschen wohnen heute in der Ukraine, Russland und Weissrussland in Gebieten, die immer noch als radioaktiv kontaminiert gelten.

Zum Zeitpunkt des Unfalls zählte Prypiat 49.000 Einwohner, hauptsächlich Arbeiter aus dem Kraftwerk mit ihren Familien. Im Gegensatz zum AKW, wo täglich am neuen Schutzmantel gearbeitet wird, ist es heute Sperrzone, eine Geisterstadt. Die Häuser werden langsam von der Natur überwuchert. Immer noch prangen riesige Sowjet-Embleme auf den Dächern unmittelbar daneben wachsen Bäume aus den Gebäuden. Verstreut auf dem Boden des Postbüros liegt immer noch Briefpapier mit Motiven zum 1.Mai; die Katastrophe fand wenige Tage vor dem Feiertag statt. Zu diesem Anlass hätte auch das rostige Riesenrad mit seinen gelben Gondeln zum ersten Mal in Betrieb gehen sollen. Auf einem beschädigten aber immer noch knallbunten Wandgemälde erinnert der Kosmonaut Jurij Gagarin an die Fortschritte in der Kommunikationstechnologie – vom alten Ägypten bis ins Weltall. Etwas weiter in einem Wäldchen führt eine baufällige Freitreppe zu einer Bootsanlegestelle und einem halb verfallenen Kaffee mit Terrasse und Flussblick. Ausflugsboote fuhren früher aus dem einstigen Idyll direkt bis ins 190 Kilometer entfernte Kiew.

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„Bis auf das Gebell der zurückgelassenen Hunde war die Stadt leer“, erinnert sich Willi Prokopow an die Zeit unmittelbar nach der Katastrophe. In zweiwöchigen Schichten mussten sie als „Liquidatoren“ am havarierten Reaktor arbeiten, sagt Prokopow, der seit der Inbetriebnahme des Kernkraftwerks 1977 als Ingenieur in Tschernobyl tätig war. Aus Angst vor der Radioaktivität seien viele geflohen. Etwa die Hälfte seiner Arbeitskollegen kehrten nach dem Unfall nicht mehr zu den Aufräumarbeiten nach Tschernobyl zurück, unter den Deserteuren waren sogar Abteilungsleiter, erzählt der heute 76-Jährige. Mit einem immensen Personalaufwand versuchte Moskau die Katastrophe unter Kontrolle zu bekommen. Rund 600.000 Soldaten und Arbeiter aus der ganzen Sowjetunion kamen zum Einsatz, oft unter lebensgefährlichen Bedingungen und gravierenden Folgen für die Gesundheit. Wie viele von ihnen heute noch am Leben sind, lässt sich nur schwer sagen. Zwischen 300 und 400 leben heute laut noch in Slawutitsch. Doch jedes Jahr würden es weniger. Viele sterben jung, bereits mit 50, beklagt Prokopow.

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Auch 30 Jahre nach dem Unfall ist das AKW immer noch der grösste Arbeitgeber für Slawutitsch, obwohl der letzte Reaktor bereits 2001 stillgelegt wurde. Die 25.000 Einwohner zählende Stadt wurde 1986 als Ersatz für das evakuierte Prypjat gegründet. 3500 davon arbeiten in Tschernobyl. Viele in Zusammenhang mit der neuen Schutzhülle, die von Novarka, einem französisch-deutsch-ukrainischen Konsortium errichtet wird. Laut Plan wird jedoch die neue Hülle 2017 über den alten Sarkophag geschoben. Ein Grossteil der Arbeitsplätze wird dadurch wegfallen.

Zukunftsängste und Ratlosigkeit treiben Slawutitsch um. Gehofft wird auf Investoren aus dem Ausland, welche neue Arbeitsplätze schaffen sollen. Zwei Fabriken, die von russischen Investoren eröffnet wurden, haben wegen dem Krieg in der Ostukraine ihr Geschäft allerdings bereits wieder verloren. Kritik wird aber auch an der Stadtverwaltung geübt. Zu wenig sei in den 15 Jahren seit der Stilllegung des Kraftwerks unternommen worden um das unaufhaltsame Sterben von Slawutitsch zu verhindern, ist in der Stadt zu hören. Erschwerend kommt dazu, dass im Januar die ukrainische Regierung den Tschernobyl-Betroffenen einen Teil ihrer Vergünstigungen wie kostenloses Schulessen für Kinder, Aufenthalt im Sanatorium und günstigere Medikamente gestrichen hat. Der Erzählung nach, weil das Geld für den Krieg im Donbass gebraucht wird. „Alles ist anders, nur die Radioaktivität ist geblieben“, seufzt ein ältere Passantin die auf einer Bank am zentralen Stadtplatz sitzt und ihrem Enkelkind dabei zusieht, wie es einen Schwarm Tauben jagt.

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„Niemand weiss was nach 2017 hier geschehen wird“, sagt Dmytrii Kortschak, von der Regionalentwicklung der Stadtverwaltung Slawutitsch. Ohne neue Projekte beim AKW, etwa ein geplantes Zwischenlager für radioaktive Abfälle, sei eine Zukunft für die Stadt jedoch kaum denkbar. Der 24-Jährige hegt ambitionierte Pläne für seine Stadt, möchte etwa den IT-Sektor fördern, räumt aber gleichzeitig ein, dass Slawutitsch wegen der Reaktorkatastrophe ein Imageproblem hat. Dabei ist die radioaktive Verschmutzung laut Kortschak hier tiefer als in Kiew.

„Erzähle ich wo ich wohne, werde ich immer gleich gefragt, ob ich mir denn keine Kinder wünsche“, sagt Margarita Nowak. Die junge Frau arbeitet für Novarka. Sie habe positive Erinnerungen an Slawutitsch, dem Ort ihrer Kindheit. Auf die Frage was in 20 Jahren aus der Stadt wird, muss die 24-Jährige allerdings lange nachdenken: „Ich hoffe ich irre mich. Ich glaube aber nicht an ein Happy End für meine Heimatstadt“, meint Nowak.

Der Text wurde für das Recherchennetzwerk n-ost verfasst 

Geschrieben von Beatrice Bösiger

Freelance Journalist. Moscow and more

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